MET Mannheim

refugees_welcome_by_peter_weidemann_pfarrbriefservice.jpgAlle Menschen sind Ausländer. Fast überall.

Am 4. METwochabend am 14.07.2021 per ZOOM berichtet Pater Lutz Müller SJ über das Zusammenleben mit Geflüchteten im Abuna-Frans-Haus in Essen

Pater Lutz Müller, ehemals Leiter der Mannheimer Jesuiten-Kommunität und mit MET verbunden,  berichtete am METwochabend im Juli über seine Erfahrungen zum Thema „Menschen auf der Flucht“. 15 TeilnehmerInnen beteiligten sich lebhaft an der anschließenden Diskussion und Fragezeit.

Das Abuna-Frans-Haus in Essen ist ein Projekt des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes: In einem vom Bistum Essen renovierten Pfarrhaus leben ab Mai 2017 zwei Jesuiten mit Flüchtlingen zusammen. Einer dieser Jesuiten ist Pater Müller. Gewidmet ist das Haus dem 2014 in Homs ermordeten Jesuiten Frans van der Lugt SJ - Abuna (Pater) Frans genannt, der in Syrien Menschen unterschiedlichen Glaubens, Herkunft und politischer Ansichten zusammengebracht hat. Für dieses Ziel und für den interreligiösen Dialog steht das Abuna-Frans-Haus.
Vor fünf Jahren, nach seiner Zeit in Mannheim in der Beratungsstelle „Offene Tür“, gründete Pater Müller zusammen mit einem Mitbruder seines Ordens eine Wohngemeinschaft für bis zu acht alleinreisende, asylsuchende Männer, unabhängig von ihrer Konfession. In Hamburg gibt es eine ähnliche Einrichtung für Familien. Dort heißt sie „Brot und Rosen“.

Die wenigen Katholiken, die sich anfangs dort einfanden, haben leider das Zusammenleben mit Muslimen abgelehnt und das Haus relativ schnell wieder verlassen.
Die Idee des Miteinanders war anfangs geprägt von wenig Erfahrungen und Idealvorstellungen. Beides mussten die beiden Jesuiten bald erkennen und ihr Konzept verändern.
Das Wichtigste sei GEDULD, so Pater Müller.
Die Geflüchteten bräuchten relativ lange, um hier anzukommen. Ebenso lange brauchen sie, um die Sprache zu lernen und über eine mögliche Ausbildung nachzudenken. Sie lieben das Haus vor allem wegen der Privatsphäre im Einzelzimmer und der Möglichkeit, die Tür hinter sich zu schließen.
Sie finden sich in unserer Kultur und vor allem in der Bürokratie nicht zurecht, lassen Briefe – auch amtliche – ungeöffnet und damit Fristen verstreichen.

Die beiden Patres halten sich im Hintergrund und greifen nur ein, wenn sie sehen, dass Regeln verletzt werden (Streit, Intoleranz gegenüber anderen etc.), oder wenn sie um Hilfe gebeten werden.
Einmal wöchentlich gibt es einen verbindlichen „Hausabend“. Dort werden Probleme angesprochen und versucht, zu diskutieren. Leider sind die Geflüchteten nicht gewohnt zu diskutieren bzw. etwas mitzubestimmen. Es hat Jahre gedauert, um diese Grenzen zu erkennen und zu beachten.
Die Sprache bzw. Sprachlosigkeit war ein weiteres Problem. Heute werden nur noch Männer aufgenommen, die über Deutschkenntnisse verfügen.

Alle Bewohner müssen sich an den Gemeinschaftstätigkeiten wie Putzen, Kochen, etc. beteiligen.
Die beiden Jesuiten verstehen sich nicht als Missionare und auch nicht als Sozialarbeiter. Ihr Angebot ist:Beziehung („wir halten es mit ihnen aus“). Die Kulturen und Wertvorstellungen sind gegenseitig unbekannt und müssen erst ertastet werden; z.B. ist Toleranz durchaus nicht für alle Bewohner ein Wert. In der Regel sind die Familienclans und das Geld die vorherrschenden Werte.

In der Bibel gibt es viele Stellen, die auf den Umgang mit Fremden hinweisen. Allerdings stellt sich die Frage, ob das immer 1:1 umsetzbar sein kann.
Die Geflüchteten erzählen selten ihre eigene Geschichte. Keiner traut wirklich dem anderen und niemand möchte etwas von sich preisgeben. Für die meisten ist es bereits eine Lernerfahrung, dass das Haus keine Angestellten hat. Darüber sind die Männer teilweise entsetzt, heißt es doch, dass sie selbst mit anpacken müssen.
Es gibt Kriterien für die Auswahl der Bewohner. Z.B. müssen sie etwas deutsch können, sie müssen ihren Lebensmittelpunkt im Haus haben (d.h. sie sollten nicht ständig bei Freunden und Verwandten sein), und müssen eine gewisse Toleranz haben, da die Bewohner, was Herkunft und Religion betrifft, sehr heterogen sind.

In Bezug auf Spracherwerb, Integration und eventuelle Ausbildung dürfen sie durchaus ihr eigenes Tempo bestimmen. Es gibt kein Zeitlimit für den Verbleib im Haus.
Dadurch, dass sich das Haus selbst trägt, zum einen durch die 2/3-Stellen der Jesuiten beim Bistum (Gemeinde, Seelsorge etc.), zum anderen durch die Mietzahlungen des Sozialamtes für die Geflüchteten und durch Spenden, wird eine Glaubwürdigkeit erzeugt, die Anerkennung findet.

Der Abend mit Pater Müller hat eine rege Diskussion ausgelöst. Es sind viele Fragen gestellt und auch beantwortet worden. Wir haben aus erster Hand erfahren, dass man manchmal zu schnell und naiv an ein Problem herangeht, das sich dann als wesentlich schwerer zu lösen entpuppt. Die Lösung ist eine ständige Überprüfung der eigenen Motive, der eigenen Toleranzschwelle und der Respekt vor dem einzelnen Menschen mit einer vollkommen anderen Kultur und Geschichte. Mögen wir alle einen langen Atem geschenkt bekommen! (Ingrid Weissenborn)

Foto oben: Peter Weidemann
In: Pfarrbriefservice.de